Experteninterview: Zukunftsbranche Smart Home

FH-Prof. Mag. DI Dr. Friedrich Praus studierte Computer Science und Computer Science Management an der TU Wien und erhielt seinen Dr. techn. (Doctor of Technical Sciences) im Jahre 2015. In seiner Doktorarbeit, die den Titel „Secure Control Applications in Smart Homes and Buildings“ trägt, beschäftigte er sich intensiv mit dem Zukunftsthema Smart Home. Seit 2016 ist er außerdem Programmleiter des Bachelor-Studienganges „Smart Homes und Assistive Technologien“ auf der FH Technikum in Wien. Mein Kollege Christoph Kroneder hat sich mit ihm getroffen, um über die Zukunftsbranche Smart Home zu sprechen!

A1 Smart Home Gateway

Frage: Auf welche Smart Home Technologien setzt Ihr Studiengang?

Friedrich Praus: Wir setzen auf offene Standards, alles was ich unterrichte muss ich auch nachlesen können. Damit fällt eigentlich jedes proprietäre System per Definition weg. Im verdrahteten Bereich zählen wir u.a. auf KNX für größere Installationen und auf EnOcean für drahtlose Lösungen. Außerdem behandeln wir im Unterricht auch die zugrundeliegenden Kommunikationsstandards wie ZigBee, Z-Wave, Bluetooth und auch WLAN und die dahinterstehende IP darf nicht zu kurz kommen.

Frage: Smart Home ist ein Zukunftsthema. Wie ist die Lage in Österreich derzeit?

Friedrich Praus: Smart Home ist zurzeit sehr präsent in den Medien, auch weil der Begriff derzeit sehr breit definiert und verwendet wird. Für mich ist die Definition von Smart Home die Integration von vielen Einzellösungen in ein großes Ganzes. Smarte Technologien sind im Zweckbau (Anm. Bürogebäude) schon sehr oft vorhanden (z.B. Beschattung mit Jalousien), vor allem auch weil es da Energieeffizienzvorschriften gibt. Im privaten Bereich ist die Smart Home Technologie zurzeit eher im Luxussegment angesiedelt.

Frage: Wie schaut es denn mit den großen Playern am Markt aus? Wenn man sich Amazon, Google oder Apple ansieht, die probieren Systeme zu schaffen, mit denen sich Zubehör-Hersteller dann verbinden können. Ist das die Zukunft?

Friedrich Praus: Ich denke schon, die Schnittstellen müssen her. Ich kann mir nicht vorstellen dass Google oder Apple Steckdosen oder Schalter herstellen wollen. Es muss also irgendwo einen zentralen Punkt geben: Eine Setup-Box, ein Gateway oder von mir aus auch eine Cloud Lösung und eben die Schnittstellen dazu. Meistens gibt es schon eine IP-Schnittstelle, dann noch MQTT (Message Queuing Telemetry Transport) und IFTTT (If This, Than That). Wichtig ist vor allem mit einer dokumentierten API zu arbeiten, das ist etwas was einige Hersteller bis jetzt noch nicht gemacht haben um ihr System quasi proprietär zu machen. Solche Systeme werden meiner Ansicht nach bald aussterben oder offengelegt. Denn erst wenn eine Lösung übergreifend ist, ist sie smart.

Frage: Manche Personen haben das Gefühl eines Kontrollverlusts wenn alles automatisch funktioniert. Braucht der Mensch ein genaues Verständnis über die Funktionsweise eines Smart Homes um dieses akzeptieren zu können?

Friedrich Praus: Zwingend glaube ich nicht, denn beim Auto weiß ich ja auch nicht mehr zu 100% was das Ding tut. Man sollte jedoch bei der Konfiguration der Gadgets sehr aufpassen dass die Automatik nicht über Aktionen des Menschen „drüberfährt“ und damit das Gefühl des Kontrollverlustes erzeugt.

Frage: Wie anpassungsfähig müssen Smart Home Lösungen sein um einen Mehrwert für den Kunden darzustellen?

Friedrich Praus: Zuerst müssen die Menschen mal wissen, was sie mit dem System anfangen können. Um das erreichen zu können, ist es wichtig selbst mal zu erleben welchen Mehrwert Smart Home Systeme schaffen können. Damit das funktioniert muss die Lösung im Regelfall sehr anpassbar sein. Ich könnte zum Beispiel einen Wecker mit der Temperatursteuerung im Bad kombinieren – 30 Minuten bevor der Wecker läutet heizt das System auf 24 Grad auf und reguliert sich dann wieder.

Frage: Wie wichtig ist es auch darüber nachzudenken was der nicht so technikaffine Nutzer mit der Smart Home Lösung anstellen kann?

Friedrich Praus: Ja auch sehr wichtig. Das haben wir vor allem bei einem Forschungsprojekt gemerkt, bei dem wir den Fokus auf das Userinterface gelegt haben. Eines ist nämlich klar, die Systeme am Markt können mehr oder weniger das Gleiche, zu jedem gibt es fast eine App. Die Bedienung ist jedoch extrem unterschiedlich und es ist enorm wichtig dass man das System auch als nicht-technikaffiner Mensch bedienen kann.

Frage: Wie wichtig ist die Reduktion auf eine zentrale App, also einen Punkt von dem aus man alle zentralen Elemente steuern kann ohne hundert Apps verwenden zu müssen?

Friedrich Praus: Das ist die klassische Integration, das muss kommen! Muss ich eine Lösung über mehrere verschiedene Apps steuern, dann ist das nicht smart. Und was ich auch gemerkt habe: Man muss nicht jedes technische Detail eines Systems ausreizen, de facto muss das Userinterface reduziert werden. Eigentlich muss ein Userinterface für alle Systeme her. Heutzutage ist es ja so: Du kaufst dir einen Staubsaugerroboter und brauchst eine App dazu. Dann kaufst du dir einen Rasenmähroboter und kriegst die nächste App und dann kaufst du dir eine smarte Glühbirne und schon wieder eine App. Da wirst du ja wahnsinnig!

Frage: Unter dem Gesichtspunkt wo Smart Home gerade steht, wo befindet sich die Zukunft?

Friedrich Praus: Die klassische Steuerung von einem zu Hause via Smartphone ist nicht wirklich „smart“ in dem Sinne. Es geht mehr in Richtung Gesamtlösung. Ich hab das zum Beispiel bei mir Zuhause: Einen Zentral-Aus-Schalter bei dem ich einen Taster drücke wenn ich das Haus verlasse und gleichzeitig gehen Fernseher, Stereoanlage und Licht aus. Das ist echt komfortabel.
Außerdem gehen wir sehr in Richtung AAL (Active and Assistant Living), also Technologieunterstützung für ältere Menschen. Wir arbeiten aber auch gezielt für Menschen mit Behinderungen, damit diese ihre Umgebung steuern können. Hierbei ist das User-Interface eine besondere Herausforderung, so kann der „Taster“ je nach Anwendungsfall variieren. Des weiteren muss die Lösung aufgrund der individuellen Bedürfnisse für den Kunden maßgeschneidert werden.

Frage: Zum Abschluss: Was sind die Trends im heurigen Jahr und wo sehen Sie Smart Home in 5 Jahren? Wird es so sein wie beim Smartphone heute: Jeder kennt sich aus und erkennt auch die Benefits?

Friedrich Praus: Ja, ich glaub das wird so sein. Was ich jetzt schon sehe ist, dass sich in der Sprachsteuerung und Beleuchtung einiges tut, was auch durch die Vielzahl an preiswerten LEDs am Markt begünstigt wird. Robotic ist sicher auch ein Thema welches noch kommen wird, z.B. in der Form von Staubsaugerrobotic. Ich glaube aber nicht dass man „Smart Home“ dazu sagen wird.

Frage: Sondern?

Friedrich Praus: Ich weiß es nicht aber ich sag ja zum Auto auch nicht „Smart Auto“ obwohl alles schon vernetzt ist. Ich glaub da muss eine bessere Definition her. Wir haben da auch lang in unserem Studiengang darüber diskutiert, haben dann aber trotzdem Smart Home gewählt, da dieser Begriff schon halbwegs etabliert ist.

 

Wir bedanken uns für das Gespräch!

 

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